Freitagspredigt

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Stiftungsverständnis (Waqf) im Islam
(12.04.2019)

 

Werte Gläubige!‎

Eines der Eigenschaften, die eine gewöhnliche ‎Gesellschaft zu einer großen Zivilisation machen, ‎ist die Etablierung von wohltätigen Stiftungen, die ‎im Rahmen der sozialen Verantwortung tätig ‎sind.‎ Stiftungen sind Institutionen, die sich das folgende ‎Prinzip zu Eigen gemacht haben: “Dienst am ‎Menschen ist Dienst an Allah.” Stiftungen ‎entstehen dadurch, dass sich Menschen für diese ‎erhabene Sache aufopfern. Dienste, die nur für ‎das Wohlwollen Allahs angeboten werden und ‎Menschen für die getätigten Wohltaten nicht mal ‎einen Dank erwarten, bilden eine ‎Wiederspiegelung der Überzeugung “liebe das ‎Geschöpf um des Schöpfers willen.”‎

Meine Geschwister!‎

Das erste Beispiel für eine Stiftung geht bis auf ‎den Propheten Adam (s) zurück. Als Symbol für ‎die Einheit (Tauhid) ist die Kaba ein gestiftetes ‎Werk, die für die ganze Menschheit erbaut ‎wurde. Dieses von dem Propheten Adam ‎entfachte Licht wurde von Hand zu Hand gereicht ‎und vom Herzen zum Herzen übertragen und hat ‎uns bis zu diesem Tag erreicht. Sind die ‎Moscheen, die jeweils eine Zweigstelle der Kaaba ‎sind und nicht nur unsere Körper sondern auch ‎unsere Herzen vereinen, nicht jeweils auch eine ‎fortlaufende Spende (Sadaqa-i Dschariya)? ‎Schließlich werden die Moscheen auch mit ‎schweißtreibenden Arbeiten und unzähligen ‎Ansparungen, die gestiftet werden, erbaut und ‎aufrecht erhalten.‎

Muslime haben viele Werke gestiftet und dadurch ‎gezeigt, dass die eigentlich große Investition für ‎das Jenseits gemacht wird. Schließlich haben sie ‎die folgende göttliche Botschaft Allahs erhalten: ‎‎„Ihr bekommt keine Güte, ehe ihr nicht von dem ‎spendet, was ihr liebt; und was immer ihr ‎spendet, Allah weiß es.”1, denn sie haben auch die ‎prophetische Verheißung2 bekommen, dass die ‎Bücher derjenigen, deren fortlaufende Spenden ‎fortbestehen, nicht verschlossen werden.‎

Verehrte Muslime!‎

Unsere Zivilisation, die sich aus dem Koran ‎genährt hat und aus dem Krug des Gesandten ‎Allahs getrunken hat, ist voll mit Stiftungen und ‎gestifteten Werken, die in unterschiedlichen ‎Bereichen für das individuelle und ‎gesellschaftliche Wohl tätig waren. Uns fallen ‎allen voran solche Beispiele für Stiftungen ein, die ‎für das Wohl der Gesellschaft errichtet wurden und ‎Arme und Bedürftige unterstützt haben, ‎Bedürfnisse von Reisenden und Kranken gedeckt ‎haben, Waisen unter die Fittiche genommen und ‎sie für die Zukunft vorbereitet haben, Stipendien ‎für Schüler und Studierende sowie ‎Festtagskleidungen für sie besorgt haben oder ihr ‎Fortbestehen und Nachhaltigkeit gewährleisten ‎wie: Hochschulen (Medrese), Karawansereien, ‎Moscheen, Brunnen, Wege und Brücken. ‎

Unsere Vorfahren hatten neben einem großen ‎Herz auch ein weites Horizont. Daher haben sie ‎sich mit der Gründung dieser Stiftungen nicht ‎begnügt. Sie haben mittels Stiftungsurkunden ‎Hilfe in verschiedenen Bereichen gewährleistet ‎wie Arbeit für Arbeitslose zu finden, Speisen für ‎Mittellose anzubieten, für die Sorgen und ‎Schulden von Insolventen und Verschuldeten ‎aufzukommen, Mitgift für mittellose Bräute zu ‎organisieren um ihnen die Eheschließung zu ‎ermöglichen, Warmwasser für die rituelle ‎Waschung in den kalten Jahreszeiten ‎bereitzustellen, Flugrouten von Zugvögeln zu ‎ermitteln um für ihre Bedarfe zu sorgen sowie ‎Geldhilfen für Kinder, die ihr Geld verloren ‎haben, zu organisieren.‎

Dass vertrocknete Lippen an den Brunnen ihren ‎Durst stillen konnten; dass hungernde Mägen in ‎Armenhäusern gespeist wurden; dass sich finstere ‎Seelen in Bibliotheken bilden und erleuchten ‎konnten; dass bedrückte Kranke in ‎Genesungsanstalten (Schifahane) ihr Heilmittel ‎fanden; dass die mit Schmutz behafteten Körper ‎in den Badeanstalten (Hamam) gereinigt wurden ‎und dass ermüdete Reisende in den ‎Karawansereien rasten konnten und viel ‎wichtiger, dass all diese Möglichkeiten - ohne ‎nach Religion, Glauben und Weltanschauung zu ‎unterscheiden - allen zur Verfügung gestellt ‎wurden... - all diese - sind nicht Zeichen dafür, ‎dass die islamische Zivilisation eine “Zivilisation ‎der Gewalt” ist, sondern eine “Zivilisation der ‎Liebe und Fürsorge” ist?‎

Meine Geschwister!‎

Alle Träume, jeder Schritt und alle erstellten ‎Projekte, die den Nutzen von Menschen, Tieren ‎und der Umwelt bezwecken, sind zu würdigen. ‎Wir sind vergängliche Wesen und wir werden ‎nicht ewig auf der Welt bleiben. Jeder einzelne ‎von uns ist fähig - egal ob im kleinen oder großen ‎Maßstab - unsterbliche und nachhaltige Werke zu ‎errichten.‎

Als verantwortungsbewusste, sensible und visionäre ‎Muslime wünschen wir zu dieser gesegneten Zeit ‎des Freitagsgebetes von Allah, dass Er uns in ‎Projekten, die zum Guten und Wohl dienen, ‎einsetzen möge.‎

Auch wenn hiesige Moscheen und Vereine ‎rechtlich keine Stiftungen sind, sind sie es ‎faktisch. Möge Allah all unseren Vorfahren, die ‎nützliche Werke für die Menschheit hinterlassen ‎und einen Beitrag dazu geleistet haben, mit ‎Seiner Barmherzigkeit belohnen. Möge Allah sein ‎Wohlwollen über diejenigen walten lassen, die ‎heutzutage und in Zukunft die Nachhaltigkeit ‎dieser Stiftungen und Vereine gewährleisten und ‎schöne Aktivitäten anbieten. Möge Ihr Freitag ‎zum Guten beitragen.‎

 

Die DITIB-Predigtkommission
 

‎1 Koran, Al-i Imran, 3/92‎                                                                               
2 al-Muslim, Wasiyya, 14‎

2019-04-12    


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